
In Jahre 1906 erbaute mein Großvater, Friedrich Scheytt, unser »Hotel Glemseck« als Vesperstube für die zahlreichen Holzbauern, die in den Wäldern mit ihren Pferdefuhrwerken zugange waren. Die Männer wurden in der Wirtsstube mit deftigem Essen und Trinken versorgt, während es sich die Pferde hinterm Haus im Rossstall bei Hafer und Wasser gutgehen ließen.
1948 übernahmen mein Vater Eduard Scheytt und meine Mutter Gertrud
den Betrieb und erweiterten ihn um einen Saal.
Das »Glemseck« war schon damals ein beliebtes Ausflugziel für die Städtler. Zu einem ganz besonderen Anziehungspunkt entwickelte sich dabei unsere Terrasse. Unzählige Hochzeiten, Geburtstage, Konfirmationen und sonstige Familienfeste wurden in den gemütlichen Räumen abgehalten.
Fast Weltruhm erlangte unser »Glemseck« zu Zeiten der legendären Solitude-Rennen. Rennställe aus Japan und England waren regelmäßig zu Gast.

Als ich, Hannelore Sonnet, 1974 mit meinem Mann das Hotel übernahm, haben wir den Hoteltrakt geschaffen. Terrasse und Küche wurden angebaut und der Biergarten mit seinen Kastanien-Bäumen, die der Großvater gepflanzt hatte, zu neuem Leben erweckt.
Die Küche wurde bis Frühjahr 2000 von Peter Sonnet geführt. Diese Aufgabe übernahm im Januar 2001 mein Sohn Steffen Sonnet, nachdem er internationale Küchenerfahrung gesammelt hatte.
Wirtsstube, Saal, Stüble, Terrasse und Biergarten laden Sie – heute wie damals – zum Feiern, Tagen und zum gemütlichen Verweilen ein.
Natürlich haben sich die Zeiten geändert – vieles ist vergangen, neues ist dazugekommen – aber die Gastfreundschaft, in der dritten Generation und mit der vierten in der Startposition, ist geblieben und wird immer unser oberstes Gebot sein.
In diesem Sinne begrüßen wir Sie bei uns im »Glemseck« und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.
Aus der Glemseck-Chronik von Friedrich und Eduard Scheytt,erzählt von Hannelore Sonnet, 3. Generation im Hotel-Restaurant Glemseck
Unser Glemseck ist mit der Tradition der Solitude-Rennen untrennbar verbunden.In der Chronik meines Großvaters, Friedrich Scheytt, ist folgendes zu lesen:
Im Herbst 1924 wurde beschlossen, die Rennstrecke zu bauen. Dazu wurde die 3,5 Meter breite Straße jedes Jahr mit Kalksteinschotter eingeworfen, so dass sie von November bis Mai fast nicht zu befahren war. Im Frühjahr 1925 wurde sie von 18 Dampfwalzen auf 5 Meter verbreitert und im Mai dieses Jahres fand das erste Rennen statt, das eine ungeheure Menge Menschen anzog.
Am Samstag, 21. Mai wurde das Rennen für große Wagen, am Sonntag für leichte Wagen und Motorräder veranstaltet.
Um die ganze Strecke herum wurden Tribünen aufgebaut, vor denen Musik spielte. Wir, das Glemseck, beherbergten im Haus, auf dem Heuboden und in den Scheuern 156 Übernachtungsgäste. 1927 im Mai fand erneut ein Rennen statt, und von da ab jeden Sonntag bis in den Herbst – mit teils prominenten Gästen.
So etwa beim Motorradrennen am 17. Juli 1930, als im Glemseck die NSU-Mannschaft aus Neckarsulm zu Gast war, oder im August dieses Jahres, als das DKW-Werk und die Firma Bosch einen vierwöchigen Test eines Motorrads durchführten. Tag und Nacht waren die Fahrer damals aktiv – bei Logis und Verplegung hier im Glemseck.Im Jahr 1931 fand am 10. Juli ein Rennen statt, das zum ersten Mal durch die Mahdentalstraße in Richtung Eltingen (Leonberg) führte. Wieder hatten wir die Neckarsulmer Monteure zu Gast, die unsere Garage als Werkstatt benützten.
Mein Vater Eduard Scheytt hat folgendes zu den Solitude-Rennen festgehalten:
1951 veranstaltet der ADAC ein 8-Stunden-Rennen. Das große Solitude-Rennen fand im August statt. Der erste Weltmeisterschafts-Lauf für Motorräder wurde im Juli 1952 ausgetragen.
Der Ausbau der Rennstrecke mit Start und Ziel wurde 1953 mit großem Aufwand (1,2 Million DM) in Angriff genommen. Zum Vergleich: Der Quadratmeter bester Baugrund kostete damals 3,20 DM.
Beim Rennen im Juli 1954 wurde die Garage an die Dunlop-Fabrik als Reifenlager vermietet. Bei diesem Rennen waren 95 ausländische und 80 deutsche Fahrer am Start. Die Wiesen hinter dem Haus dienten wieder als Parkplatz und Fahrerlager, und vor dem Haus befand sich wie immer eine Tribüne. Das Rote Kreuz mit dem Rennarzt und seinen Sanitätern hatte in meinem jetzigen Büro das Lazarett eingerichtet. Zu diesem Rennen kamen geschätzte 435 000 Zuschauer.
Auch der bekannte englische Automobil-Rennfahrer Stirling Moss hat über das Rennwochenende 1961 im Glemseck gewohnt.
Ganz international ging es im Jahr 1964 zu. Das Team von Suzuki logierte im Hotel Glemseck und montierte in unserer Garage, und das Formel-1-Team von BRP England hatte seine Werkstatt in unserer Scheuer eingerichtet. Das Fahrerlager hinter dem Haus war wieder brechend voll.
1965 fand schließlich das letzte Solitude-Rennen statt.
Mit einem weinenden und einem lachenden Auge denke ich an diese ereignisreiche Zeit zurück. Gerne hätten wir alle wieder diese unvergleichliche Renn-Atmosphäre rund ums Haus.
Die vielen Geschichten und Legenden, die sich um die Solitude, die Rennen und seine Mitwirkenden ranken, sind ungezählt. Die Geschichte von der eingebrochenen Tribüne neben unserem Haus, von der »gestohlenen Gans«, die im Fahrerlager von Jim Redman am Lagerfeuer gebraten wurde, die Zweikämpfe auf der Strecke – jeder, der dabei war, kann bestimmt Bücher darüber schreiben.
Heute noch bewundere ich den Pioniergeist meines Opas, mit wievielen Ideen er von Anbeginn der Rennen die Situation zu Gunsten des »Glemsecks« genutzt hat. 1924 betrieb er acht Theken, drei Bierstände und einen Kaffeeausschank in Keller. Er arbeitete damals bei den vielen Veranstaltungen oft auch rund um die Uhr, um die Zuschauer, Fahrer und Helfer zu versorgen.
Später, ab 1948, besaßen meine Eltern den gleichen Idealismus. Haus und Hof wurden in den Dienst der Solitude-Rennen gestellt: Wiesen wurden zum Fahrerlager, die Waschküche zum Dusch-Raum, Garagen und Scheuern dienten als Werkstätten, im Flur war die Renn-Telefonzentrale, im Wohnzimmer gar das »Renn-Krankenhaus« und noch vieles mehr.
Dieser Geist wurde mir mit in die Wiege gelegt. Mein Interesse galt und gilt deshalb von Beginn an allem, was auf zwei oder vier Rädern fährt.
Aber trotz aller Begeisterung habe ich nie vergessen, dass es auch viele Menschen gibt, die im »Glemseck« Ruhe und Erhohlung vom Alltag suchen. Deshalb mögen mir einige Motorradfahrer – auch ein paar Autofahrer – verzeihen, wenn ich mit ihren Fahrvorführungen nicht immer einverstanden bin.
Die Rennstrecke ist jetzt halt doch nur noch eine öffentliche Strasse. Trotz allem sind wir uns aber einig:
Im »Glemseck« lebt die »Solitude« weiter.